WEICHTEILRHEUMATISMUS 

Teilweise wird der Weichteilrheumatismus als Fibrosit is-Sy nd rom bezeichnet.

Weichteilrheumatismus ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche rheumaartige Erkrankungen, bei denen häufig durch falsche Belastung oder auch auf Grund von En tzündungen Schmerzen in den Weich teilen, also Mus keln, Bändern, Sehn en und/oder Schleimbeuteln auftreten.

Beim Weichteilrheumatismus unterscheidet man eine lokalisierte und eine generalisierte Form.

  1. Lokal begrenzter Weichteilrheumatismus
    Dieses entsteht häufig durch eine Überbelastung, so z.B. der bekannte Tennisel lenbogen oder Schulterschmerzen aufgrund der sog. Per iarthritis humerosca pularis. Ähnliche Schmerzsynd rome betreffen auch andere Gelen ke. Auch bei Sehnenscheidenen tzündungen handelt es sich um Weichteilrheumatismus -artige Erkrankungen. Die Prognose
    (= auf ärztliche Erfahrung und wissenschaftlichen Kriterien basierende Vorhersage über wahrscheinlichen Verlauf und Ausgang einer Krankheit) ist durchweg als günstig zu bezeichnen.

  2. Generalisierter Weichteilrheumatismus
    Dieses eigenständige Krankheitsbild wird auch als Fibromya lgie bezeichnet. Es soll aber nicht ignoriert werden, daß die Bezeichnung "Weichteilrheumatismus" für die Fibromya lgie nicht von allen Autoren gutgeheißen wird, z.T. werden darüber lebhafte Diskussionen geführt. Diese Diskussion ficht uns nicht an, da die betroffenen Patienten erheblich unter diesem Krankheitsbild leiden, sie möchten daß ihnen geholfen wird, egal wie die Krankheit letztendlich korrekt bezeichnet wird.

Der Weichteilrheumatismus ist durch eine Vielzahl schmerzhafter Regionen gekennzeichnet, oft begleitet von vegetativen Symptomen (z.B. Schwitzen) und psychischen Veränderungen. 

Generalisierte (= größere Bereiche, den ganzen Körper betreffende) myofasz iale (= Mus keln und deren Bindegewebsumhüllung einschl. Se hnen betreffende) Schmerzen werden in der Literatur nicht einheitlich klassifiziert und deshalb unter verschiedenen Diagnosen geführt:

Das Krankheitsbild des Weichteilrheumatismus ist durch eine Vielzahl diffuser, breitflächiger, spontan schmerzhafter Regionen mit wechselnden "rheumatischen" Beschwerden im muskuloskelettalen (= Mus keln und Skelett betreffenden) System bei insgesamt deutlich erniedrigter Schmerzschwelle gekennzeichnet. 
Es liegt eine Kombination von psychischen, neurologischen und funktionellen Störungen vor.

Hauptsymptome des Weichteilrheumatismus

Regelmäßig finden sich druckschmerzhafte Punkte an 18 (2x9) definierten Stellen (Tender points):

Umgekehrt gibt es beim generalisierten Weichteilrheumatismus 13 (1+2x6) nicht druckschmerzhafte Kontrollpunkte:

Der Symptomkomplex "Müdigkeit" zeichnet sich aus durch: Überschießende Reaktion auf physischen und psychischen Streß mit rascher Ermüdbarkeit und rascher Erschöpfung, geringere Belastbarkeit, Leistungsschwäche und Konzentrationsstörung. 
Die Schlafstörung betrifft besonders die Tiefschlafphase IV (Non-REM-Phase), verursacht ein Gefühl der Zerschlagenheit und verhindert einen erholsamen Schlaf. 
Depression
und andere psychische Störungen bestehen bei mehr als 50% der Patienten mit Weichteilrheumatismus; häufige Kombination von emotionalem und psychischem Dysstreß.

Häufige funktionelle Begleitsymptome des Weichteilrheumatismus:

In der Regel können beim primären Weichteilrheumatismus keine Organerkrankungen aufgedeckt werden, die Röntgenbefunde sind normal, ebenso die Laborwerte (Entzündungsparameter, Diff. Blutbild, Rheumaserologie, Immunglobuline und Muskelenzyme). In 30-70% sind die Antikörper gegen Serotonin, Phospholipide, Ganglioside und Nukleoli positiv. Die Muskelbiopsie (= mikroskopische Gewebeuntersuchung) ist unauffällig. 
Die Komplexität der Weichteilrheumatismus -Symptome läßt großen Spielraum für differentialdiagnostische Erwägungen
(= was außer Weichteilrheumatismus sonst noch an Krankheiten in Betracht kommen könnte)

Ätiologie (= Krankheitsursache) und Pathogenese (= Krankheitsentwicklung) des Weichteilrheumatismus sind noch unbekannt und führen zu kontroversen Spekulationen. 
Psychologische Faktoren, so z. B. psychosoziale Störungen (Hansen 1991), scheinen aber erheblich zur körperlichen Symptomatik beizutragen. Jede Form von körperlichem und seelischem Streß wirkt offenbar schmerzverstärkend (Bengtson et al. 1986, Tilscher et Eder 1985). Nach Tilscher und Bogner (1974) werden beim Weichteilrheumatismus insbesondere depressive Symptome gehäuft gefunden. Viele Arbeiten zum Nachweis einer Koinzidenz
(= zeitliches Zusammentreffen) psychopathologischer Phänomene bei Pana lgesie (= Ganzkör perschmerz) -Synd romen sind aber methodisch nicht immer nachvollziehbar. 
Die Tatsache, daß bei vielen dieser Patienten keine psychologischen Besonderheiten nachzuweisen sind, spricht nach Wolfe (1984) gegen eine primär psychogenetische
(= in der Psyche begründete) Erklärung des Weichteilrheumatismus. Die psychischen Besonderheiten bei einer Reihe von Patienten könnten auch sekundär durch den Krankheitsverlauf aufgetreten sein. Nicht selten bestehen Partnerschaftskonflikte (Hansen 1991).
Differentialdiagnostisch ist zu bedenken, daß sich hinter einer scheinbar monokausalen Pana lgesie
(= durch 1 Krankheit verursachter Ganzkör perschmerz) auch ein psychisch verursachtes Schmerzsynd rom verbergen kann.

Schmerztherapie bei Weichteilrheumatismus
Das komplexe Beschwerdebild des Weichteilrheumatismus erfordert eine stationäre interdisziplinäre, multimodale
(= mehrere Maßnahmen beinhaltende) Therapie im Rahmen der "speziellen Schmerztherapie". 
Bei multikausaler Genese
(= durch verschiedene Krankheiten verursachte Entwicklung) der Pana lgesie werden die einzelnen Schmerzbilder entsprechend ihrer Dominanz behandelt. Da in der Regel die Schmerzschwelle herabgesetzt ist, ist eine begleitende schmerzdistanzierende Medikation mit einem tri- oder tetrazyklischen Antidepressivum (z.B. Doxepin, Maprotilin), evtl. vorübergehend auch in Kombination mit Neuroleptika (z.B. Levomepromazin) sinnvoll.
Hilfreich ist bei Weichteilrheumatismus auch eine 3-4 tägige psychovegetative Entspannung durch eine sogenannte "Schlafkur". Zur wiederholten Schlafinduktion verwenden wir 1-2 mg Flunitrazepam (z.B. Rohypnol ®), zusätzlich geben wir 1-2 mal täglich 40 mg Prothipendyl (Dominal forte ® ). 

Zunächst sollte der Patient über die prinzipiell gutartige Natur der Erkrankung aufgeklärt werden, wobei aber mögliche Folgen einer Chronizität (psychosoziale Aspekte, Risiken einer ständigen Medikamenteneinnahme) nicht verschwiegen werden sollten. 
Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient kann den bis dahin unbefriedigenden Verlauf durchbrechen. Es ist aber auch zu bedenken, daß weitere erfolglose Therapieversuche erneut zu Enttäuschungen führen können, die einer weiteren Chronifizierung Vorschub leisten.

Desweiteren ist ein therapeutisches Vorgehen erforderlich, das den multifaktoriellen Ursprung des Weichteilrheumatismus berücksichtigt. Dazu gehört insbesondere eine begleitende psychologische Behandlung, die zu einer Verbesserung der Schmerzverarbeitung bzw. Erhöhung der Schmerztoleranz beiträgt. 
Eine schmerzdistanzierende, antidepressive Behandlung sollte bei Patienten mit Weichteilrheumatismus frühzeitig eingesetzt werden, zumal damit auch eine Besserung der häufig bestehenden Schlafstörungen zu erreichen ist. 
Periphere Analgetika (= Schmerzmittel) können versucht werden, überwiegend ist damit jedoch keine zufriedenstellende Schmerzreduktion zu erreichen. Auch der Einsatz von Opioiden (z.B. Morphium) ist oftmals enttäuschend. 
Eher sahen wir eine positive Wirkung bei Verabreichung von Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Entspannung von Mus keln), vor allem Tolperison (Mydocalm®). Alternativ kann Baclofen (z.B. Lioresal®) verordnet werden.
 
Auch die therapeutische Lokalanästhesie
(= Behandlung mit Lokalanästhetika) in Form einer Triggerpunkt-Behandlung (= Behandlung von umschriebenen Reizzonen), Infiltrationen besonders schmerzhafter Körperbereiche, aber auch Nervenbetäubungen, falls notwendig sogar kontinuierlich mit Katheter (= eingepflanztem Kunststoffschlauch), ist bei Weichteilrheumatismus oftmals hilfreich. 
Bei Vorliegen einer sympathischen Überaktivität sind epidurale
(= rückenmarknahe) oder periphere sympathische (= das vegetative Nervensystem betreffende) Blockaden, auch kontinuierlich mit Katheter, erfolgversprechend. 
Physiotherapeutische Behandlungsmaßnahmen
(u.a. Krankengymnastik) werden bei Weichteilrheumatismus meist als angenehm empfunden und steigern damit das körperliche Wohlbefinden. Sie sollen dazu beitragen, den Patienten mehr Vertrauen zum eigenen Körper zu vermitteln und die Mobilität zu steigern. Werden z.B. nur Massagen verordnet, besteht die Gefahr, daß sich passive Tendenzen im Krankheitsverlauf verstärken. Ohnehin sind die üblichen Massagebehandlungen (Ausnahme: Spezialmassagen wie. z.B. Bindegewebsmassagen oder Lymphdrainagen) aus schmerztherapeutischer Sicht völlig entbehrlich und werden von uns auch nicht mehr verordnet.
Erwähnt sei noch die Wärmekammer, die bei manchen Patienten zu einer deutlichen Beschwerdereduktion führt.

Nur die konsequente Durchführung der genannten Therapiemaßnahmen im Rahmen der speziellen Schmerztherapie kann bei Weichteilrheumatismus eine, manchmal sogar eindrucksvolle Beschwerdelinderung bewirken.


   

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